Hotline +49 1234 5678

Offen wie ein Buch oder bis oben hin zugeknöpft?

09.06.2016

Was wollen und müssen meine Interessenten und Kunden über mich erfahren?

Wie und vor allem mit welcher Dosis soll man als Freiberufler in den Social Media Plattformen vertreten sein? Was und vor allem wieviel gibt man über sich Preis? Ein Thema, das mich beschäftigt, das ich immer wieder mit Kunden, Netzwerkpartnern und Freunden diskutiere. Mit den Totalverweigerern und denen, die einfach alles posten. Die Meinungen gehen weit auseinander, merke ich. Wahrscheinlich gibt es kein Patentrezept, jeder muss seine eigene Strategie finden. Und mir fällt auf: Meine verändert sich im Lauf der Zeit. Ich lerne dazu, beobachte was andere machen, bekomme Feedback. Werde mutiger, rücke immer öfter von meinem Perfektionismus ab.

"Wieviel eigene Authentizität im Netz tut gut?" fragt meine Netzwerkkollegin Marjeta Prah-Moses in ihrem Blogbeitrag. Und lädt ein zur Blogparade zum Stichwort #networkauthenticity . "Es geht um Eure Authentizität im Netz und was ihr darunter versteht, wie ihr es handhabt. Wie geht Euer Umfeld mit Euren Aktivitäten im Netz um? Wieviel von Eurer Person teilt ihr mit der Öffentlichkeit und was lasst ihr lieber sein? Hat sich Eure Art im Netz zu kommunizieren im Laufe der Zeit verändert? Wie bringt ihr privates und geschäftliches unter einen Hut?" Das klingt spannend, so greife ich das Thema gern auf.

Wir wollen keine Anonymität

Obwohl wir Wand an Wand wohnen, kenne ich meine Nachbarn so gut wie gar nicht. Man trifft sich mal am Briefkasten, im Wäschekeller, sagt verhalten "hallo", aber das war's schon. Früher - in anderen Häusern - hatte ich super Kontakt zu den Nachbarn. Ein Ratsch war immer drin und es war kein Problem, wenn jemand geklingelt hat, weil beim Backen ein Ei fehlte oder der Kaffee ausgegangen war. Es gibt mir Sicherheit, wenn ich weiß, wer neben mir wohnt. Weiß, wie die Nachbarn ticken, wann ich sie um einen Gefallen bitten kann und wann es nicht so angesagt ist. Diese Anonymität der Großstadt und in den sogenannten Mehrparteienhäusern ist schon irgendwie komisch und passt - gerade für mich als kommunikativer Mensch - gar nicht zu mir. Und das ist auch im Business so. Ich weiß gerne, mit wem ich zusammen arbeite, was meine Geschäftspartner antreibt, für was sie brennen, wie ihre Wertvorstellungen sind. Wann ich auf sie zählen kann und wann nicht.

Emotionen sind wichtig - erst Recht im Web 3.0

Wahrscheinlich geht es mir genauso wie vielen anderen. Zu viel Anonymität ist für uns Kommunikations-Menschen nicht gut. Und drum posten wir was das Zeug hält, veröffentlichen unsere Vorlieben, Erlebnisse, Gedanken in Blogbeiträgen und lesen, liken und teilen was andere aus ihrem Leben preisgeben. Je mehr unsere Welt technisiert und strukturiert ist, desto mehr haben wir Lust, die Privatsphäre-Schublade zu öffnen und andere an unserem Leben teilhaben zu lassen. Wir sehnen uns nach Emotionen und es muss "menscheln". Warum sonst posten alle ständig ihre Meinung auf Facebook, Twitter & Co.? Oder warum schmücken erwachsene Menschen ihre Nachrichten in WhatsApp mit Herzchen, Schweinchen und Blümchen? Vermissen wir die kleinen Klebebildchen, die wir damals in Poesiealben gepappt haben?

Die Grenze zur Privatsphäre ziehen
Auf Social Media Accounts läßt sich das Private vom Business leider nicht trennen. Jeder kann alles lesen, egal, wo es steht. Es ist halt öffentlich. So wäge ich genau ab, was ich auf meinen privaten Accounts poste. Religion, Politik und alles, was ich nicht an ein öffentliches schwarzes Brett pinnen würde, behalte ich lieber für mich. Trotzdem verrate ich das eine oder andere Detail über mich. Meine Erfahrung: Je mehr es menschelt, desto stärker werden die Geschäftsbeziehungen. Je offener ich bin, ist es auch mein Gegenüber.

Menschen kaufen von Menschen
Eines habe ich im Laufe meiner Berufsjahre gelernt: Ein Produkt oder eine Dienstleistung mag noch so gut sein, wenn uns der "Verkäufer" unsympathisch ist, suchen wir schnell das Weite und uns zieht es woanders hin. Nämlich dort, wo wir uns wohl fühlen, mit einem Menschen sprechen, der genauso tickt wie wir. Je mehr wir ihm vertrauen, desto lieber kaufen wir bei ihm. Und Vertrauen können wir nur aufbauen, wenn wir über unserern Geschäftspartner viel wissen. Nicht umsonst stellt ein guter Verkäufer erstmal eine Menge Fragen und hört lange zu.

Gemeinsamkeiten schweißen zusammen
Und noch etwas habe ich von meinen Vertriebskollegen während meiner Angestelltenzeit abgeschaut: In Business-Gesprächen dürfen oder müssen sogar Humor oder private Geschichten Platz haben. Sofort ist das Klima angenehmer, die Stimmung aufgelockert, alles nicht mehr so steif. Wenn wir wissen, dass unser Geschäftspartner das gleiche Hobby hat wie wir selbst oder die gleiche peinliche Situation erlebt hat, dann sind wir sofort auf einer Ebene - wie wunderbar.

Authentizität ist gefragt - so individuell wie die Menschen sind
Wie gesagt, jeder sollte seine eigene Strategie entwickeln, wie viel Privates er im Web veröffentlicht. Und was und wie oft. Hier ein paar Gedanken, Erfahrungen und Tipps.

Authentizität gewinnt immer: WARUM soll ich Privates preisgeben?

Warum Authentizität - besonders auf Social Media Plattformen - so wichtig ist, habe ich im letzten Beitrag der semikolon Infothek schon ausführlich erklärt. Es geht um Wohlfühlklima und Vertrauen. Das kann man auch in virtuellen Welten, wie Websites, Blogs oder Social Media Kanälen schaffen. Und gerade da ist es so wichtig, weil wir unser Gegenüber nicht sehen können, wir haben keine Mimik, keine "Haptik". Die private Note im Web ist wichtig für das gute Gefühl. Erst wenn sich das einstellt, werden wir auch realen Kontakt aufnehmen. Und wenn sich das gute Gefühl im Dialog und persönlichen Kennenlernen noch vertieft, löst es einen Handlungsimpuls aus. Wir wollen kaufen, buchen, bestellen.  

TIPP: Schaffen Sie Vertrauen, indem Sie ab und zu über sich erzählen. Was lesen Sie, wo bilden Sie sich weiter, welche Erlebnisse haben Sie berührt und begeistert? Bringen Sie mehr Emotionen in Ihre Beiträge.

Storytelling vom Feinsten: WAS interessiert?

Im letzten Seminar für die Business Akademie der Übersetzer und Dolmetscher kam auch wieder die Frage: "Was soll ich denn bloggen oder posten? Ich habe doch nichts zu erzählen. Höchstens über Kundenprojekte, aber das darf ich nicht, das sind vertrauliche Texte und Informationen." Falsch! Die Kundenprojekte sollen ja gar nicht im Fokus stehen. Sondern was wir dabei erlebt haben, was uns beschäftigt hat. Zum Beispiel könnten die Übersetzer berichten, wie sie mit bestimmten Begrifflichkeiten in verschiedenen Sprachen und Kulturen umgehen. Andere oder mehrfache Bedeutungen von Begriffen oder Schreibweisen könnten ein Thema sein. Oder welche Trends es in der Sprache gibt. Weitere Themen: Dialekte, Wording in verschiedenen Branchen, Rechtschreibung ... es gäbe so viel, was man aufgreifen kann. Und der Leser bekommt einen Eindruck, wie der Übersetzer arbeitet, wie er mit Problemen umgeht.

TIPP: Erstmal beobachten. Blogs und Timelines aus der eigenen Branche, aber auch von verwandten, ähnlichen Bereichen. Wenn wir bei den Übersetzern bleiben: Was schreiben beispielsweise die Texter, Journalisten, etc. Oder man sucht sich ganz andere  Bereiche raus und überträgt sie auf den eigenen.

Herantasten und ausprobieren: WIE VIEL Privates?

Am Anfang meiner Social Media "Karriere" habe ich natürlich jede Menge Posts aus meinem reichen Erfahrungsschatz als Grafikerin veröffentlicht. Und war enttäuscht über die ausbleibenden Likes und null geteilte Beiträge. Dann habe ich mal Einblicke in mein Privatleben gegeben und - huch - die Likes schnellten in die Höhe.

Aber Vorsicht: Einmal habe ich vor Weihnachten auf meinem privaten Account gepostet, dass ich gar nicht weiß warum man von der "Staaden Zeit" spricht, ich war garde im Dauerstress. Einige Monate später hat mir ein Kunde erzählt, er hat mich wegen seinem Projekt nicht angerufen, weil ich ja eh keine Zeit gehabt habe, hätte ja sozusagen kommuniziert, dass ich auftragsmäßig "dicht" bin. Oha, habe ich mir gedacht. Ich muss mich also immer in den Kunden reinversetzen, was er zwischen den Zeilen lesen könnte. Und die Trennung zwischen privatem Leser und Kunde gibt es nicht.

TIPP: Social Media oder Blog Posts gern mit einer "Prise" Privatem würzen. Die gute Mischung macht es aus. Und die will ausprobiert werden. Wie beim Kochen. Das "Gericht" ab und zu mal verändern, neue Variationen ausprobieren. Und sich immer in in die Rolle des Lesers reinversetzen. Würde ich das selbst gern lesen oder erfahren?

Stündlich oder monatlich: WIE OFT lasse ich was von mir hören?

Je nach Auftragslage habe ich mal mehr, mal weniger Zeit, meine Kanäle zu bedienen. Aber einmal in der Woche lasse ich mindestens von mir hören. Je nachdem, wie die Auftragslage ist und mit welchen Themen ich mich beschäftige, ist es nicht so einfach, alle Kanäle mit dem gleichen Einsatz zu bedienen. Und natürlich habe ich auch meine Vorlieben, wo ich mich aufhalte. Ich bin lieber auf Facebook unterwegs als auf Twitter. Newsletter schreiben finde ich immer eine große Hürde.

TIPP: Eine gewisse Regelmäßigkeit und daher auch ständige Aktivität sollte erkennbar sein. Stur nach Kalender zu posten, halte ich für wenig sinnvoll. Je leichter das posten geht, desto lieber macht man es. Mit dem Smartphone lassen sich auch noch so kurze Pausen, Fahrten in der Trambahn, Wartezeiten, etc. nutzen, um die Social Media Kanäle zu füttern. Und auf Evernote können super bequem LInks, Themen und Ideen zwischen gespeichert werden, die man für später aufheben will oder die nochmal gründlicher recherchiert werden müssen.

Strategisch oder aus dem Bauch raus: WO veröffentliche ich was?

Auch hier gibt es einfach kein Patentrezept. Ich bin beispielsweise kein Fan davon, alles überall zu posten. Und zwanghaft jeden Social Media Kanal zu bedienen, weil es vielleicht auch die anderen machen. Zudem haben sich meine Vorlieben mit der Zeit geändert. War ich früher ehr in XING unterwegs, ist jetzt Facebook mein bevorzugtes Medium. Jeder muss für sich selbst herausfinden, wie eng man sich an Social Media-Strategien und Monitoringergebnisse hält.

TIPP: Weniger ist mehr. Eins nach dem Anderen. Erstmal an einen Social Media Kanal herantasten, ausprobieren, entdecken und für sich gewinnen. Dann an den nächsten herangehen. Mit Tools wie Hootsuite kann man die Aktivität auf mehren Kanälen gleichzeit gut steuern und im Auge behalten. Social Media Aktivitäten lassen sich prima messen und optimieren. Hier ein guter Blogbeitrag zu diesem Thema von Social Media Expertin Katharina Hirsch

Fazit

Man mag von Social Media halten was man will, für mich bietet es mehr Vorteile als Nachteile. Im Netz steht nur das was ich veröffentliche. Was in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat, bleibt unter vier Augen oder in den eigenen Wänden. Authentisch zu bleiben, finde ich gerade im Web wichtig. Als Freelancer unbedingt, je größer das Unternehmen ist, desto schwieriger wird die Aufgabe.

Zurück